Nachhaltige Beschaffung in Kirchengemeinden: Leitlinien, Kriterien und Praxis

24.07.2026
von Werkstudentinnen
Alt-Text: Holzkirche, Fairtrade-Kaffee, Bienenwachskerzen, Notizbuch und nachhaltig verpacktes Geschenk auf einem hellen Holztisch — includo Blog — Illustration erstellt mit KI

  • Kirchliche Leitlinien und Praxishilfen zur ökofairen Beschaffung setzen unterschiedliche Schwerpunkte und besitzen unterschiedliche Verbindlichkeit.
  • Für die Produktauswahl sind konkrete Kriterien und passende Nachweise hilfreicher als pauschale Nachhaltigkeitsaussagen.
  • Ein praktischer Einstieg ist auch schrittweise möglich: Bedarf prüfen, Kriterien festlegen, Nachweise vergleichen und mit einzelnen Produktgruppen beginnen.

Viele Kirchengemeinden möchten bei ihrer Beschaffung ökologische, faire und soziale Kriterien berücksichtigen. Dabei treffen unterschiedliche kirchliche Leitlinien, zahlreiche Siegel und die praktische Frage aufeinander, wie sich solche Kriterien im Gemeindealltag anwenden lassen.

Ökofaire Beschaffung ist ein Begriff, den verschiedene kirchliche Stellen für entsprechende Beschaffungsansätze verwenden. Dieser Ratgeber ordnet ein, welche Orientierungen es gibt, welche Kriterien Gemeinden heranziehen können, welche Nachweise bei der Auswahl helfen und wie ein praktischer Einstieg aussehen kann.

Inhaltsverzeichnis

Was bedeutet nachhaltige bzw. ökofaire Beschaffung in Kirchengemeinden?

Kirchliche Leitlinien und Praxishilfen zur ökofairen Beschaffung setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Wiederkehrende Kriterien sind ökologische Eigenschaften, Aspekte des fairen Handels und soziale Kriterien. Häufig beginnt die Prüfung bereits bei der Frage, ob eine Anschaffung notwendig ist und welche Anforderungen das Produkt tatsächlich erfüllen soll.

Welche Kriterien für eine konkrete Gemeinde maßgeblich sind, hängt von der jeweiligen Landeskirche, Diözese, dem Träger und den dort geltenden Regelungen ab.

Welche Leitlinien und Orientierungen gibt es?

Bevor du eine kirchliche Vorgabe für deine Gemeinde anwendest, lohnt sich deshalb zuerst die Frage: Wer gibt die Regel heraus und gilt sie für deine Gemeinde? Kirchliche Orientierung existiert auf mehreren, unterschiedlich verbindlichen Ebenen.

EKD-Ebene: Richtlinie

Die EKD-Klimaschutzrichtlinie ist seit dem 1. Oktober 2022 in Kraft. Sie sieht für die Beschaffung der EKD selbst ökologisch zertifizierte und fair gehandelte Produkte vor. Den Gliedkirchen wird empfohlen, entsprechende Regelungen zu treffen. Die Richtlinie bindet sie nicht automatisch.

Landeskirchliche und diözesane Ebene

Landeskirchen und Diözesen können eigene, konkretere Regelungen erlassen. Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) hat ihre Grundsätze zur ökofairen Beschaffung im Mai 2026 aktualisiert. Auch die Erzdiözese Freiburg hat mit einem Beschaffungshandbuch mit Stand Juni 2026 eine eigene katholische Orientierung veröffentlicht.

Welche Regelung für deine Gemeinde relevant oder verbindlich ist, hängt deshalb von Landeskirche, Diözese und Träger ab. Nicht jede Regel gilt automatisch überall gleich.

Ökumenische Praxisangebote

„Wir kaufen anders“ ist eine ökumenische Praxisplattform, an der evangelische Landeskirchen und katholische Diözesen beteiligt sind. Sie bietet unter anderem Produktinformationen, Informationen zu Siegeln, Praxistipps und Unterstützung für die schrittweise Weiterentwicklung der Beschaffung.

Die Initiative „Zukunft einkaufen“ hat seit 2008 Materialien und Verfahren für ökofaire kirchliche Beschaffung entwickelt. Die EKD verweist weiterhin darauf als Informationsangebot.

Umweltmanagementsysteme

Der „Grüne Hahn“ ist kein eigenständiges Beschaffungsprogramm, sondern ein kirchliches Umweltmanagementsystem. Es umfasst neben der Beschaffung beispielsweise Energie, Wasser, Mobilität, Entsorgung und weitere Umweltaspekte.

Wichtig: Prüfe bei einer kirchlichen Richtlinie oder Empfehlung immer, ob sie von der EKD, deiner Landeskirche bzw. Diözese, deinem Kirchenkreis oder deinem konkreten Träger stammt und welche Verbindlichkeit sie dort besitzt.

Welche Kriterien können Kirchengemeinden berücksichtigen?

Welche Kriterien relevant sind, hängt vom jeweiligen Beschaffungsfall und den für deine Gemeinde maßgeblichen Regelungen ab. In kirchlichen Leitlinien und Praxishilfen begegnen dir unter anderem folgende Aspekte:

  • Ökologische Kriterien: zum Beispiel Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Langlebigkeit oder dokumentierte Materialeigenschaften.
  • Fairer Handel: zum Beispiel dokumentierte faire Handelsbedingungen entlang der Lieferkette, produktbezogen nachgewiesen.
  • Soziale Kriterien: zum Beispiel eine konkrete und dokumentierte soziale Herstellungs- oder Beschäftigungsstruktur beim Anbieter.
  • Bedarf und Wirtschaftlichkeit: Ist die Anschaffung notwendig und welche Anforderungen soll das Produkt tatsächlich erfüllen?

Organisationsform ist kein Umwelt- oder Fairnessnachweis

Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Inklusionsbetriebe und Sozialunternehmen sind unterschiedliche Organisationsformen mit jeweils eigener Beschäftigungs- bzw. Unternehmensstruktur. Keine dieser Organisationsformen belegt automatisch ökologische Produkteigenschaften, faire Handelsbedingungen oder Ressourcenschonung eines konkreten Produkts.

Wenn eine soziale Eigenschaft für deine Beschaffungsentscheidung relevant ist, kannst du die konkrete Beschäftigungs- oder Herstellungsstruktur des Anbieters prüfen. Für ökologische Eigenschaften oder Fair-Trade-Eigenschaften brauchst du davon getrennte, produktbezogene Nachweise.

Mehr zu den Unterschieden findest du im Ratgeber WfbM, Inklusionsbetrieb und Sozialunternehmen im Vergleich.

Welche Nachweise helfen bei der Auswahl?

Statt möglichst viele Siegel zu sammeln, hilft eine einfachere Frage: Welche Aussage möchtest du prüfen und welcher Nachweis deckt genau diese Aussage ab?

Aussage oder Kriterium Passender Nachweis
Hoher Recyclinganteil Produkt- oder Materialnachweis, zum Beispiel eine Herstellerangabe zum Altpapieranteil
Bestimmter Umweltstandard Produktbezogenes Umweltzeichen, zum Beispiel der Blaue Engel
Fair gehandelt Gültige produktbezogene Zertifizierung
Soziale Herstellungsstruktur Dokumentierter Hersteller- oder Partnerstatus mit konkretem Beschäftigungsbezug
Langlebigkeit Technische Produkteigenschaft oder Herstellerangabe

Ein Beispiel: Bei Hygienepapier sind ein hoher Altpapieranteil und ein anerkanntes Umweltzeichen wie der Blaue Engel konkrete, prüfbare Kriterien. Die pauschale Bezeichnung „umweltfreundlich“ sagt dagegen allein noch nicht, welche Eigenschaft tatsächlich nachgewiesen ist.

Wo spielt Beschaffung im Gemeindealltag eine Rolle?

Beschaffungsentscheidungen fallen in vielen Bereichen des Gemeindealltags an. Die folgenden Beispiele zeigen mögliche Auswahlkriterien. Sie sind keine Aussage darüber, welche Produkte includo anbietet.

  • Gemeindebüro: Bei Papier und Büromaterial können Recyclinganteil und Umweltzeichen Auswahlkriterien sein.
  • Gottesdienst: Bei Kerzen können Material, Brenneigenschaften, Herkunft und dokumentierte Herstellungsstruktur eine Rolle spielen.
  • Bewirtung: Bei Kaffee und Tee können Fair-Trade-Zertifizierungen und ökologischer Anbau Auswahlkriterien sein.
  • Reinigung und Hygiene: Bei Hygienepapier und Reinigungsmitteln können Recyclinganteil, Umweltzeichen und dokumentierte Inhaltsstoffe relevant sein.
  • Veranstaltungen: Bei Give-aways und Ausstattung können Langlebigkeit und eine dokumentierte Herstellungsstruktur berücksichtigt werden.
  • Ehrenamt und Geschenke: Bei kleinen Anerkennungsgeschenken können eine Fair-Trade-Zertifizierung oder eine dokumentierte soziale Herstellungsstruktur Kriterien sein.

Wie können Kirchengemeinden praktisch anfangen?

Ökofaire Beschaffung muss nicht auf einmal vollständig umgesetzt werden. Für den Einstieg lässt sich der Prozess in sieben überschaubare Schritte gliedern:

  1. Bedarf prüfen: Ist die Anschaffung überhaupt notwendig?
  2. Ist-Einkauf verstehen: Was wird aktuell beschafft, in welcher Menge und wie häufig?
  3. Wenige relevante Kriterien festlegen: zum Beispiel ein Umweltzeichen, eine Fair-Trade-Zertifizierung oder Langlebigkeit für eine bestimmte Produktgruppe.
  4. Nachweise prüfen: Passt der vorliegende Nachweis exakt zur gewünschten Aussage?
  5. Mit einer Produktgruppe starten: zum Beispiel mit Büromaterial oder Kaffee, statt die gesamte Beschaffung gleichzeitig umzustellen.
  6. Erfahrungen dokumentieren: Was hat funktioniert und wo gab es Hürden?
  7. Schrittweise erweitern: Weitere Produktgruppen nach demselben Muster betrachten.

Dieser Ablauf ist eine redaktionelle Bündelung. Er greift praktische Schritte aus kirchlichen Beschaffungsangeboten wie „Wir kaufen anders“ sowie Kriterien aus den Grundsätzen der EKvW auf und fasst sie zu einem einfachen Vorgehen zusammen.

Checkliste für die nächste Beschaffungsentscheidung

  • Brauchen wir das Produkt wirklich?
  • Gibt es eine langlebige Alternative?
  • Lässt sich die Verpackung reduzieren?
  • Kommen regionale Anbieter infrage?
  • Gibt es für die gewünschte Eigenschaft einen belastbaren Nachweis, etwa ein geeignetes Siegel oder dokumentierte Herstellerangaben?
  • Ist, falls eine soziale Eigenschaft relevant ist, eine konkrete soziale Herstellungs- oder Beschäftigungsstruktur dokumentiert?

Konkrete Produkte für deine Gemeinde gesucht?

Dieser Ratgeber ordnet Leitlinien, Kriterien und das praktische Vorgehen ein. Wenn du konkrete Produkte für Gottesdienst, Gemeindehaus, Bewirtung, Hygiene, Büro oder Ehrenamt suchst, findest du auf unserer Seite für Kirchengemeinden die passenden Produktbereiche.

Kirchenbedarf für deine Gemeinde auswählen

FAQ zur nachhaltigen Beschaffung in Kirchengemeinden

Gilt jede kirchliche Beschaffungsleitlinie für jede Kirchengemeinde?

Nein. Die EKD-Klimaschutzrichtlinie bindet direkt die EKD selbst; den Gliedkirchen wird empfohlen, entsprechende Regelungen zu treffen. Welche Vorgaben für deine Gemeinde relevant oder verbindlich sind, hängt unter anderem von Landeskirche, Diözese, Träger und dem jeweiligen Regelwerk ab.

Was ist der Unterschied zwischen nachhaltiger und ökofairer Beschaffung?

„Ökofaire Beschaffung“ wird von verschiedenen kirchlichen Stellen für Beschaffungsansätze verwendet, die insbesondere ökologische und faire Kriterien berücksichtigen und je nach Leitlinie um weitere soziale oder wirtschaftliche Aspekte ergänzt werden. „Nachhaltige Beschaffung“ ist ein breiterer Begriff. Welche Kriterien darunter konkret verstanden werden, hängt vom jeweiligen Regelwerk oder Beschaffungsansatz ab.

Muss eine Gemeinde ihre gesamte Beschaffung auf einmal umstellen?

Nein. Ein praktischer Einstieg ist über einzelne, regelmäßig beschaffte Produktgruppen möglich. Dabei kannst du zunächst wenige Kriterien festlegen, Erfahrungen sammeln und das Vorgehen anschließend auf weitere Beschaffungsbereiche übertragen.

Welche Nachweise können bei der Produktauswahl helfen?

Das hängt von der Aussage ab, die du prüfen möchtest. Möglich sind beispielsweise produktbezogene Umweltzeichen, gültige Fair-Trade-Zertifizierungen oder dokumentierte Herstellerangaben. Entscheidend ist, dass der Nachweis genau zu der Eigenschaft passt, die für deine Beschaffungsentscheidung relevant ist.

Fazit

Beschaffung ist nur ein Teil kirchlicher Nachhaltigkeit, aber ein sehr alltäglicher. Wenn du Bedarf, Kriterien und Nachweise systematisch prüfst, kannst du ökologische, faire und soziale Anforderungen Schritt für Schritt in Beschaffungsentscheidungen integrieren.

Entscheidend ist nicht, alles auf einmal umzustellen, sondern nachvollziehbare Kriterien festzulegen und sie bei wiederkehrenden Beschaffungen konsequent anzuwenden.

Quellen zum Artikel

  1. Evangelische Kirche in Deutschland (EKD): Klimaschutzrichtlinie
    https://kirchenrecht-uek.de/document/51466
  2. Evangelische Kirche von Westfalen (7. Mai 2026): Ökofaire Beschaffung – neue Grundsätze, Kriterienliste und Siegelübersicht
    https://kircheundklima.de/oekologisch-faire-beschaffung-neue-grundsaetze-kriterienliste-und-siegeluebersicht/
  3. Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Gliedkirchen in der EKD (AGU): Ökofaire Beschaffung
    https://agu.ekd.de/themen/nachhaltige-entwicklung/oekofaire-beschaffung/
  4. Evangelische Kirche in Deutschland (2018): „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“ – Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen, EKD-Texte 130, Kapitel 5 „Was zu tun ist“
    https://www.ekd.de/ekd-texte-130-5-was-zu-tun-ist-37371.htm
  5. Evangelische Kirche in Deutschland (EKD): Nachhaltigkeit in den Kirchengemeinden
    https://www.ekd.de/nachhaltigkeit-in-kirchengemeinden-32362.htm
  6. Wir kaufen anders: ökumenische Einkaufsinitiative für Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen
    https://www.wir-kaufen-anders.de/ueber-uns/
  7. Erzdiözese Freiburg / Diözesanstelle für Schöpfung & Umwelt: Handbuch „fair.nah.logisch. Beschaffung“, Juni 2026
    https://www.wir-kaufen-anders.de/downloads/
  8. Evangelische Kirche im Rheinland: Grüner Hahn – Kirchliches Umweltmanagement
    https://oeko.ekir.de/inhalt/gruener-hahn-kirchliches-umweltmanagement/

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